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Auch Wochen nach der katastrophalen Explosion in Beirut gibt es für die Bewohner des Libanon noch keine Entwarnung, was ihre Gesundheitsversorgung angeht: Nicht nur sind drei Krankenhäuser schwer beschädigt, darunter mit dem Saint-George-Hospital eines der wichtigsten Krankenhäuser das Libanon – bei der Explosion wurden auch im Hafen lagernde medizinische Güter zerstört.

Nach Angaben der WHO sind mehr als die Hälfte der medizinischen Versorgungseinrichtungen nicht mehr einsatzbereit.

Was Menschen nach Katastrophen hart und plötzlich trifft, ist für andere trauriger Alltag: Wenn man krank wird, ist es an vielen Orten der Welt schwer, Hilfe zu bekommen.

So auch im lateinamerikanischen Guatemala, an der Grenze zu Mexiko: Vor allem die indigene Bevölkerung lebt zum Großteil unter der Armutsgrenze. Besonders die Mütter- und Kindersterblichkeitsrate ist aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung hier besonders hoch.

Der Staat ist nicht zu sehen – lokale Gesundheitsversorger*innen übernehmen es, für sauberes Wasser, Hygiene bei Lebensmitteln und im Sanitärbereich zu sorgen oder lokale Heilmittel anzupflanzen, zu verarbeiten und auszugeben. Doch sie brauchen Unterstützung.

Verschlechterung der medizinischen Situation durch Corona

Wie in Guatemala oder Beirut, ist es auch an vielen anderen Orten der Welt die gemeinnützige Organisation action medeor, die sich für eine Basisgesundheitsversorgung und eine gerechte Verteilung qualitativ hochwertiger Medikamente einsetzt – wir unterstützen sie mit unserem Heal the World Virtual Run.

action medeor arbeitet über lokale Partner, die Wissen über Veränderungsprozesse vor Ort haben. Ihr Ziel ist es, lokale Strukturen so zu stärken, dass action medeor vor Ort langfristig nicht mehr gebraucht wird.

Klar wird das an folgendem Beispiel:

Während wir, wenn wir krank sind, einfach zum Arzt gehen, müssen Menschen vor allem in ländlichen Regionen in Afrika, Asien oder Lateinamerika mehr als 100 Kilometer zu Fuß gehen, um medizinische Hilfe zu erhalten – das geht zu weit. Das ist eine Tatsache, die sehr betroffen stimmt und die Ungerechtigkeit, die auf dieser Welt herrscht, widerspiegelt. 100 Kilometer Fußweg zum nächsten Krankenhaus/Apotheke/Arzt bedeutet nämlich auch, dass man nicht mit den kleinsten Wehwehchen direkt zum Arzt läuft. Ob man die 100 Kilometer tatsächlich auf sich nimmt, muss gut überlegt sein. Wenn man sich entschließt, dann doch zum Arzt zu gehen, ist der Gesundheitszustand oft schon so schlimm, dass der Fußweg noch anstrengender ist als sowieso schon. (Linda Merse, action medeor)

Im Jahr 2020 hat die Arbeit von action medeor neue Dimension bekommen: Das Coronavirus macht eine bessere medizinische Versorgung, mehr Aufklärung, bessere hygienische Verhältnisse und mehr Schutzkleidung erforderlicher denn je.

Aber nicht nur das Virus selbst sorgt dafür, dass sich die Ungleichverteilung der weltweiten medizinischen Versorgung nochmals verschärft. So berichtete action medeor Vorstand Sid Peruvemba noch im August: „Durch die Lockdowns funktionieren die Warenströme und Versorgungsketten nicht mehr. Die Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage, gleichzeitig steigen die Preise für Lebensmittel und Medikamente. Wir merken bereits jetzt, dass Hunger und Krankheiten sich weiter ausbreiten.“

likuni hospital malawi

Nicht nur Lateinamerika oder Beirut – ein Schwerpunkt der Arbeit von action medeor ist in Afrika. Auf dem Bild: das Likuni Hospital in Malawi. (Foto: Boris Breuer / action medeor)

Medikamente gegen Corona: Wie sollen sie global gerecht verteilt werden?

Internationale Organisationen warnen: Wenn es erst mal wirksame Medikamente und Impfstoffe gegen Corona gibt, werden die Länder des globalen Südens schnell vergessen sein.

Schon jetzt sichern sich westliche Staaten durch Investitionen Millionen von Impfdosen, Patentrechte auf Medikamente sind im Gespräch – denn gerade die großen Pharmafirmen, die bereits Patente auf etwa lebenswichtige HIV-Medikamente halten, sind jetzt wieder vorne dran, was die Coronaforschung angeht.

Sind das alles Vorzeichen auf Verteilungskämpfe, die ausbrechen werden und die Gräben zwischen armen und reichen Ländern vertiefen? Oder kann sich die globale Solidarität durchsetzen?

Die schlimmste Diagnose: Hilflosigkeit. (Action Medeor)

Bereits jetzt ist allerdings klar: Überlastete Gesundheitssysteme töten – auch bei uns vor der Tür, wie die erschreckenden Bilder aus Bergamo zeigten.

Global gesehen trifft Corona auch auf eine Ungleichverteilung von bereits grassierenden Krankheiten. „Wir befürchten inzwischen wieder einen Anstieg von Krankheiten wie Malaria, HIV/Aids oder Tuberkulose, bei deren Bekämpfung wir in den vergangenen Jahren durchaus Erfolge vorweisen konnten“, sagt Peruvemba.

Denn neben der Bekämpfung der Corona-Pandemie dürfe eines nicht vergessen werden: „In Entwicklungsländern sterben nach wie vor 2,6 Millionen Menschen jedes Jahr an Tuberkulose, HIV/Aids und Malaria. Das bedeutet, dass in den ersten vier Monaten dieses Jahres über 850.000 Menschen an diesen behandelbaren Krankheiten gestorben sind – fast fünfmal so viel wie im gleichen Zeitraum an Corona.“

Ein Zeichen der Hoffnung setzen: Aufmerksamkeit und Spenden

Durch das Coronavirus ist das Thema Gesundheitsversorgung näher an uns alle gerückt: Wir dürfen aufatmen, weil eine Überlastung des Gesundheitssystems bei uns bisher ausgeblieben ist und darauf hoffen, dass auch schwere Fälle eine adäquate Behandlung bekommen.

Doch es ist jetzt nötiger denn je, sich für eine Verbesserung des Gesundheitssystems und eine gute medizinische Versorgung einzusetzen – im eigenen Land und weltweit – und ein Zeichen dafür zu setzen, dass die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht nur für uns, sondern für alle Menschen auf der Welt gilt.

Morticia besitzt ein Tättowier- und Piercingstudio hoch oben im Norden Deutschlands – direkt an der Nordsee. Als Crowdlauf Anfang April die Selbstständigen aus der Community auf Instagram und Facebook fragte, wie es ihnen derzeit geht, antwortete Morticia: „Die Kosten laufen weiter… Einnahmen natürlich nicht. Es nützt ja nichts. Irgendwie muss ich das schaffen.“

Drei Monate später gehört Morticia zu denen, die sagen können, dass sie glimpflich durch die Corona-Krise gekommen sind: „Wir Tattoostudios haben es insofern ganz gut, dass wir Kunden haben, die nicht wegbrechen. Sie haben einen Wunsch, der sich zu späterem Zeitpunkt nachholen lässt und aufgeschoben, jedoch nicht aufgehoben werden muss.“

Ihr Laden ist wieder geöffnet und auch die Umstellung auf neue Hygieneregeln war – für ein Tattoostudio, in dem schon immer hohe Standards gelten – nicht schwer.

morticia tattoostudio

Wie antwortet Morticia auf die Frage, wie sie in die Zukunft blickt? So: „Na, positiv natürlich!“ (Bild: Morticia privat)

Die Krise macht Schwachpunkte der Gesellschaft sichtbar

„Mental hat mich dieses Vollschließung allerdings schon in eine echte Existenzangst gebracht“, sagt Morticia aber auch – und sie glaubt, dass „Verschieben und Vertrösten von Kunden“ noch eine längere Zeit präsent bleiben werden, und auch, dass sich Planen und Vorsorgen in der Zukunft ändern könnten. Trotzdem bleibt sie optimistisch.

Gesellschaftlich gesehen sind mit der Corona-Krise einige – zwar längst bekannte, aber gern verdrängte – Themen auf die Tagesordnung gekommen.

  • Gesundheitssystem: Wer hat wie Zugang? Wie können die Ressourcen verteilt werden?
  • Demokratie: Welche Maßnahmen werden wie ausgehandelt? In welchen Staatsformen fühlen sich Bürger beschützt, kontrolliert, gleich behandelt?
  • Arbeitsbedingungen: Nicht nur im Gesundheitssystem, auch in der Fleischproduktion und auf dem Bau werden alte Defizite jetzt deutlich sichtbar.
  • Tierwohl und Umweltschutz: Obwohl das Virus den Menschen befällt, rückt es über Umwege katastrophale Zustände im Umgang mit Tieren in den Fokus.
  • Ernährung und Gesundheit: Über die eigene Gesundheit, aber auch das Thema Tierwohl, beschäftigen sich viele nochmals neu mit der eigenen Ernährung – mit gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen.

Corona-Krise and Beyond: Solidarität braucht neue Formen

Auf solche Fragen braucht es neue Antworten, finden unter anderem die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. Die Idee dahinter: Alle Menschen erhalten von Geburt bis zum Tod einen bestimmten Betrag vom Staat – als Absicherung und ohne Gegenleistung.

Gestritten wird darüber, ob Menschen mit Grundeinkommen weniger arbeiten würden und sich insgesamt egoistischer verhielten – oder ob genau das Gegenteil der Fall wäre: Soziale und kreative Arbeiten könnten interessanter werden, weil sie für einige das Leben mit mehr Sinn füllen – unbeliebtere Arbeiten müssten dagegen anders entlohnt werden als bisher.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Jetzt schon Zukunft spielen

Ohne es auszuprobieren, wird man nie Antworten auf diese Fragen haben – findet der Verein Mein Grundeinkommen e.V. Er verlost monatlich Grundeinkommen für mehrere Menschen, jeweils für sechs bis 12 Monate. Die Tests werden begleitet und ausgewertet und zeigen demnach vor allem: Das Geld löst Veränderungen aus, weil es nicht an Bedingungen geknüpft ist.

„In Praxistests nutzen Menschen das Mehr an Freiheit durch das Grundeinkommen dazu, wieder besser zu sich selbst zu sein: Sie schlafen besser, leben gesünder, sind körperlich aktiver und insgesamt zufriedener“, sollen fünf Jahre Verlosungen ergeben haben.

Geht es einer Person besser, haben alle etwas davon, meint der Mein Grundeinkommen e.V. – eigenes Wohlbefinden mache solidarisch: „Es ist diese individuelle Zufriedenheit, die zu mehr Gemeinschaft führt – weil sie frei gewählt und aus Lust heraus geboren ist.“

bedingungsloses grundeinkommen

Geld kann solidarisch machen, wenn es bedingungslos kommt – sagen Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens (Bild: Pixabay.com)

Krise als Neustart: Der Weg zu Veränderung führt über Werte

In seinem Buch „Krise als Neustart“ schreibt der Psychiater und Autor Jan Kalbitzer aus Berlin, dass die aktuelle Krise nicht nur das Gute aus den Menschen hervorbringe, sondern „innerfamiliäre Beziehungen und Freundschaften auf den Prüfstand stelle“.

Durch Corona werde etwa plötzlich sichtbar, wer zugunsten anderer auf etwas verzichten kann, wer schnell zum Denunzianten wird oder wer sich an der Krise bereichert – und das schmerzhafterweise auch bei Menschen aus dem Familien- und Freundeskreis.

Sein Buch war schon lange vor Corona in Arbeit – bezogen auf individuelle Lebenskrisen. Dass Corona jetzt als globale Krise alle – in unterschiedlichen Formen – trifft, ist für Kalbitzer (ohne das Leid beschönigen zu wollen) auch Chance:

  1. Erstens führt das gemeinsame Erleben einer Krise zu mehr Verständnis untereinander
  2. Zweitens können durch die aktuellen Veränderungen im Alltag leichter neue Verhaltensmuster eingeführt werden
  3. Drittens werden jetzt grundlegende Werte bewusst (etwa Gesundheit und Familie) – was sich auch in größeren, gesellschaftlichen Veränderungen auswirken kann

Sein Buch ist eine Anleitung, sich bewusst zu werden, was das eigene Leben blockiert – aber auch, sich auf die eigenen Werte zu besinnen und das Leben danach auszurichten. Das geschieht nicht im stillen Kämmerchen, sondern laut Kalbitzer am besten mit einer vertrauenswürdigen Person aus dem nicht zu nahen Umfeld. Also: In Solidarität.

Die Vergessenen der Krise

Morticia hätte sich gewünscht, dass die Tattöwiererbranche die Wiedereröffnung nicht erst hätte einklagen müssen – man hatte die Tättowierer vergessen, so ihr Eindruck.

Sich abgehängt und vergessen zu fühlen, ist einer der größten Energiekiller. Doch vermittelt sich in der Krise eines leider auch schnell: Man ist ziemlich oft auf sich selbst zurückgeworfen und kann darüber andere vergessen, sowohl im Kleinen als auch in der großen Politik.

Dabei zeigt sich jetzt ebenso deutlich wie nie, dass wir auf andere angewiesen sind – denn schon nächste Woche können wir es sein, die ein positives Testergebnis erhalten oder einen Job nicht mehr machen können (aus welchen Gründen auch immer), und dann gute Ärzte und gute Freunde brauchen.

Solidarität mit anderen ist also ein Geschenk, das man geben kann, auf das man für sich hoffen kann.

Neue Solidarität: Mut haben und jenseits aller Grenzen denken

Studien während der Krise haben gezeigt, dass wir Solidarität oft nur zeigen, solange sie bequem ist. Dass wir bei aller Solidarität nicht nur an die denken sollten, denen wir uns aus irgendwelchen Gründen verbunden fühlen – ältere Personen, Familien mit Kindern, ein Land, das wir gerne bereisen –, dass Solidarität grenzenlos und immer kritisch sein muss, dass niemand zurückbleiben sollte, darauf machen Organisationen wie medico international derzeit vehement aufmerksam.

Wie wäre es damit? Wir nehmen uns – frei nach Jan Kalbitzers Buch – Zeit, uns klarzumachen, für welche Werte wir einstehen. Was bedeuten Freiheit, Gesundheit, Wohlbefinden, Glück, Gleichberechtigung, für uns?

Und fassen uns dann den Mut, gemeinsam Gutes zu tun und für diese Werte einzustehen – sichtbar geworden gerade eben auch durch Black Lives Matter.