Morticia besitzt ein Tättowier- und Piercingstudio hoch oben im Norden Deutschlands – direkt an der Nordsee. Als Crowdlauf Anfang April die Selbstständigen aus der Community auf Instagram und Facebook fragte, wie es ihnen derzeit geht, antwortete Morticia: „Die Kosten laufen weiter… Einnahmen natürlich nicht. Es nützt ja nichts. Irgendwie muss ich das schaffen.“

Drei Monate später gehört Morticia zu denen, die sagen können, dass sie glimpflich durch die Corona-Krise gekommen sind: „Wir Tattoostudios haben es insofern ganz gut, dass wir Kunden haben, die nicht wegbrechen. Sie haben einen Wunsch, der sich zu späterem Zeitpunkt nachholen lässt und aufgeschoben, jedoch nicht aufgehoben werden muss.“

Ihr Laden ist wieder geöffnet und auch die Umstellung auf neue Hygieneregeln war – für ein Tattoostudio, in dem schon immer hohe Standards gelten – nicht schwer.

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Wie antwortet Morticia auf die Frage, wie sie in die Zukunft blickt? So: „Na, positiv natürlich!“ (Bild: Morticia privat)

Die Krise macht Schwachpunkte der Gesellschaft sichtbar

„Mental hat mich dieses Vollschließung allerdings schon in eine echte Existenzangst gebracht“, sagt Morticia aber auch – und sie glaubt, dass „Verschieben und Vertrösten von Kunden“ noch eine längere Zeit präsent bleiben werden, und auch, dass sich Planen und Vorsorgen in der Zukunft ändern könnten. Trotzdem bleibt sie optimistisch.

Gesellschaftlich gesehen sind mit der Corona-Krise einige – zwar längst bekannte, aber gern verdrängte – Themen auf die Tagesordnung gekommen.

  • Gesundheitssystem: Wer hat wie Zugang? Wie können die Ressourcen verteilt werden?
  • Demokratie: Welche Maßnahmen werden wie ausgehandelt? In welchen Staatsformen fühlen sich Bürger beschützt, kontrolliert, gleich behandelt?
  • Arbeitsbedingungen: Nicht nur im Gesundheitssystem, auch in der Fleischproduktion und auf dem Bau werden alte Defizite jetzt deutlich sichtbar.
  • Tierwohl und Umweltschutz: Obwohl das Virus den Menschen befällt, rückt es über Umwege katastrophale Zustände im Umgang mit Tieren in den Fokus.
  • Ernährung und Gesundheit: Über die eigene Gesundheit, aber auch das Thema Tierwohl, beschäftigen sich viele nochmals neu mit der eigenen Ernährung – mit gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen.

Corona-Krise and Beyond: Solidarität braucht neue Formen

Auf solche Fragen braucht es neue Antworten, finden unter anderem die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. Die Idee dahinter: Alle Menschen erhalten von Geburt bis zum Tod einen bestimmten Betrag vom Staat – als Absicherung und ohne Gegenleistung.

Gestritten wird darüber, ob Menschen mit Grundeinkommen weniger arbeiten würden und sich insgesamt egoistischer verhielten – oder ob genau das Gegenteil der Fall wäre: Soziale und kreative Arbeiten könnten interessanter werden, weil sie für einige das Leben mit mehr Sinn füllen – unbeliebtere Arbeiten müssten dagegen anders entlohnt werden als bisher.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Jetzt schon Zukunft spielen

Ohne es auszuprobieren, wird man nie Antworten auf diese Fragen haben – findet der Verein Mein Grundeinkommen e.V. Er verlost monatlich Grundeinkommen für mehrere Menschen, jeweils für sechs bis 12 Monate. Die Tests werden begleitet und ausgewertet und zeigen demnach vor allem: Das Geld löst Veränderungen aus, weil es nicht an Bedingungen geknüpft ist.

„In Praxistests nutzen Menschen das Mehr an Freiheit durch das Grundeinkommen dazu, wieder besser zu sich selbst zu sein: Sie schlafen besser, leben gesünder, sind körperlich aktiver und insgesamt zufriedener“, sollen fünf Jahre Verlosungen ergeben haben.

Geht es einer Person besser, haben alle etwas davon, meint der Mein Grundeinkommen e.V. – eigenes Wohlbefinden mache solidarisch: „Es ist diese individuelle Zufriedenheit, die zu mehr Gemeinschaft führt – weil sie frei gewählt und aus Lust heraus geboren ist.“

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Geld kann solidarisch machen, wenn es bedingungslos kommt – sagen Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens (Bild: Pixabay.com)

Krise als Neustart: Der Weg zu Veränderung führt über Werte

In seinem Buch „Krise als Neustart“ schreibt der Psychiater und Autor Jan Kalbitzer aus Berlin, dass die aktuelle Krise nicht nur das Gute aus den Menschen hervorbringe, sondern „innerfamiliäre Beziehungen und Freundschaften auf den Prüfstand stelle“.

Durch Corona werde etwa plötzlich sichtbar, wer zugunsten anderer auf etwas verzichten kann, wer schnell zum Denunzianten wird oder wer sich an der Krise bereichert – und das schmerzhafterweise auch bei Menschen aus dem Familien- und Freundeskreis.

Sein Buch war schon lange vor Corona in Arbeit – bezogen auf individuelle Lebenskrisen. Dass Corona jetzt als globale Krise alle – in unterschiedlichen Formen – trifft, ist für Kalbitzer (ohne das Leid beschönigen zu wollen) auch Chance:

  1. Erstens führt das gemeinsame Erleben einer Krise zu mehr Verständnis untereinander
  2. Zweitens können durch die aktuellen Veränderungen im Alltag leichter neue Verhaltensmuster eingeführt werden
  3. Drittens werden jetzt grundlegende Werte bewusst (etwa Gesundheit und Familie) – was sich auch in größeren, gesellschaftlichen Veränderungen auswirken kann

Sein Buch ist eine Anleitung, sich bewusst zu werden, was das eigene Leben blockiert – aber auch, sich auf die eigenen Werte zu besinnen und das Leben danach auszurichten. Das geschieht nicht im stillen Kämmerchen, sondern laut Kalbitzer am besten mit einer vertrauenswürdigen Person aus dem nicht zu nahen Umfeld. Also: In Solidarität.

Die Vergessenen der Krise

Morticia hätte sich gewünscht, dass die Tattöwiererbranche die Wiedereröffnung nicht erst hätte einklagen müssen – man hatte die Tättowierer vergessen, so ihr Eindruck.

Sich abgehängt und vergessen zu fühlen, ist einer der größten Energiekiller. Doch vermittelt sich in der Krise eines leider auch schnell: Man ist ziemlich oft auf sich selbst zurückgeworfen und kann darüber andere vergessen, sowohl im Kleinen als auch in der großen Politik.

Dabei zeigt sich jetzt ebenso deutlich wie nie, dass wir auf andere angewiesen sind – denn schon nächste Woche können wir es sein, die ein positives Testergebnis erhalten oder einen Job nicht mehr machen können (aus welchen Gründen auch immer), und dann gute Ärzte und gute Freunde brauchen.

Solidarität mit anderen ist also ein Geschenk, das man geben kann, auf das man für sich hoffen kann.

Neue Solidarität: Mut haben und jenseits aller Grenzen denken

Studien während der Krise haben gezeigt, dass wir Solidarität oft nur zeigen, solange sie bequem ist. Dass wir bei aller Solidarität nicht nur an die denken sollten, denen wir uns aus irgendwelchen Gründen verbunden fühlen – ältere Personen, Familien mit Kindern, ein Land, das wir gerne bereisen –, dass Solidarität grenzenlos und immer kritisch sein muss, dass niemand zurückbleiben sollte, darauf machen Organisationen wie medico international derzeit vehement aufmerksam.

Wie wäre es damit? Wir nehmen uns – frei nach Jan Kalbitzers Buch – Zeit, uns klarzumachen, für welche Werte wir einstehen. Was bedeuten Freiheit, Gesundheit, Wohlbefinden, Glück, Gleichberechtigung, für uns?

Und fassen uns dann den Mut, gemeinsam Gutes zu tun und für diese Werte einzustehen – sichtbar geworden gerade eben auch durch Black Lives Matter.

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