• Mehrere Tausend Kinder leben in Deutschland auf der Straße – Schätzungen liegen zwischen 2.500 und 6.500.
  • Probleme im Elternhaus und in Jugendhilfeeinrichtungen sind die Hauptursache.
  • Damit Kinder nicht auf der Straße landen, müssen Hilfsangebote vielfältig sein.

„Meine Mutter hat mich mit zehn rausgeschmissen, weil ich komme nach meinem Vater. Und sie hasst meinen Vater“, erzählte der 17-jährige Nico gegenüber Spiegel TV vor ein paar Jahren.

Die Gründe dafür, dass auch im reichen Deutschland Kinder auf der Straße landen, sind vielfältig. Schätzungen zufolge sind es mindestens 2.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die auf der Straße leben. Oft ist die Situation nur vorübergehend, manchmal schaffen die Kinder und Jugendlichen aber den Weg zurück nicht mehr.

Vor allem in Großstädten leben obdachlose Minderjährige – doch sie stammen auch aus kleineren Städten und sind nur in die großen Städte gezogen, weil es dort – trotz allem – mehr Möglichkeiten für sie gibt.

Diese Altersgruppe ist am Stärksten betroffen

Bei einer deutschlandweiten Befragung von Kindern und Jugendlichen, die bereits auf der Straße gelebt haben, ermittelte das Deutsche Jugendinstitut (DJI) im Jahr 2016, dass fast ein Drittel der jungen Menschen zwischen 14 und 24 Jahren, die auf der Straße leben, 18 oder 19 Jahre alt sind. 14 Jahre oder jünger waren demnach nur etwa 5 %.

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Damit bestätigt sich, was Sozialverbände schon länger kritisieren: Wer gerade erwachsen wird, hat die größte Wahrscheinlichkeit, durch die sozialen Netze zu fallen – weil weder Angebote der Kinder- und Jugendhilfe greifen, die jungen Leute aber gleichzeitig noch keinen guten Zugang zu Absicherungen für Erwachsene haben, wie die Grundsicherung, Arbeitsförderungen oder Sozialhilfe.

Trotzdem gibt es auch immer wieder Kinder, die durch die Netze fallen – in der Studie waren es immerhin 25 %. Wie hoch die Anzahl tatsächlich ist, kann nur schwer abgeschätzt werden.

Das sind die Gründe für ein Leben auf der Strasse

Unter den minderjährigen auf der Straße Lebenden liegt in der Studie des DJI der Anteil der Mädchen höher als der Anteil der Jungen – ein Grund dafür könnte aber auch sein, dass sich Mädchen früher Hilfe in Jugendhilfeeinrichtungen holen und daher den Interviewern der Studie auch häufiger begegneten.

Dass Kinder auf der Straße leben müssen, liegt in den meisten Fällen an der Situation in der Herkunftsfamilie. Massive psychische oder physische Gewalt, sexueller Missbrauch oder auch eine prekäre Wohnungs- und Finanzsituation der Eltern können die Gründe dafür sein, dass Kinder die Familie verlassen oder vor die Tür gesetzt werden.

Doch viele der Kinder, die ohne festen Wohnsitz leben, hatten auch Schwierigkeiten in Jugendhilfeeinrichtungen, diese können die Abwärtsspirale sogar verstärken, wenn Kinder hier kein Vertrauen schließen können.

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Für die Buchautorin Sabrina Tophofen, die von ihrem Vater missbraucht und nach einer Anzeige von der Polizei in ein Pflegeheim gebracht worden war, wurde das Pflegeheim – als Zehnjährige war sie die Jüngste dort – zum Alptraum: „Es gab Gitter vor den Fenstern und abgeschlossene Türen. Und die Mädchen machten mir das Leben schwer. Sie lockten mich in ein Zimmer und rasierten meine Haare ab. Für mich gab es nur den Gedanken: Entweder ich komme hier raus, oder ich muss sterben.“

Ein anderes Mädchen habe ihr geholfen zu fliehen, so erzählte sie Brigitte.de. Sie bekam Kontakte zu Menschen, die auf der Straße lebten – und schloss sich ihnen an.

So sieht das Leben der Kinder auf der Strasse aus

Ohne festen Wohnsitz zu sein – das war das Kriterium für die Studie des DJI. Demnach lebt nur ein Drittel der Kinder auf der Straße, zwei Drittel sind aber – zumindest vorübergehend – anderweitig untergekommen, etwa bei Freunden. Trotzdem empfinden die Jugendlichen die Straße als Lebensmittelpunkt. 

Sabrina Tophofen schloss sich an ihrem ersten Tag einer Clique an: „Mit einem Jungen war ich oft unterwegs. Er beschützte mich immer, und wenn ich nachts am Hauptbahnhof unterwegs war, dann hat er mich dort nie allein gelassen. Er hat neben mir im Sitzen geschlafen. Weil ich mich nicht hinlegen wollte. Ich schlief fast nur tagsüber, habe mich irgendwohin gehockt und eine halbe Stunde gedöst.“

Was sie erzählt, wirkt erstmal paradox, doch ist es für viele Jugendliche auf der Straße die Realität: „Auch wenn das Leben auf der Straße schwierig war, ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben sicher gefühlt. Vor allem mit diesen Menschen, die sofort meine Freunde waren. Die haben mich so behandelt, als wäre ich ein toller Mensch. (…) Ich kannte so etwas ja gar nicht. Weder von zu Hause noch aus dem Heim.“

Auch bei ihr folgten, wie bei vielen anderen, Drogenepisoden – vor allem LSD habe ihr die Angst vor ihrem Vater oder der Polizei genommen, aber Verfolgungswahn erzeugt, wenn die Wirkung nachließ.

Kinderhilfe: Hier setzen die Hilfsangebote an 

Dass das Leben der betroffenen Kinder sehr unstet ist, führt dazu, dass der Übergang zwischen dem Leben auf der Straße und in einer Hilfseinrichtung fließend ist: Ein grundsätzlich guter Ansatzpunkt  für Hilfsangebote. 

Aufsuchende Sozialarbeit – also Streetwork – ist für einige auf der Straße Lebende der erste Kontakt zu den Hilfseinrichtungen. Andere kommen durch offene Angebote zu den Sozialarbeitern.

Der Berliner Verein Straßenkinder e.V. erzählt von seiner Arbeit: „Vielen Kindern und Jugendlichen, die wir betreuen, haben deren Eltern noch nie im Leben eine warme Mahlzeit gekocht. Wir glauben, dass jedes Kind so wertvoll ist, dass man es mit seinen Problemen ernst nehmen muss, sich Zeit nehmen sollte, in Gesprächen wirklich aufmerksam zuzuhören und versuchen, eine Beziehung aufzubauen.“

Die Angebote reichen von warmen Essen und Notversorgung wie einer Kleiderkammer und Waschmöglichkeiten über Erlebnispädagogik – wie Freizeitangebote, Ausflüge, kleine Reisen – bis hin zu Rechtsberatung.

Bildung und Ernährung verbessern

Den Zusammenhang zwischen Armut und sozialer Ausgrenzung zieht auch das Schutzengelwerk in Berlin. Wer von Armut bedroht ist – und das ist immerhin jedes vierte Kind in Berlin – läuft auch Gefahr, durch fehlende Teilhabemöglichkeiten von Gleichaltrigen ausgegrenzt zu werden.

Gerade nachhaltige Bildung und sportliche Angebote stärken das Selbstwertgefühl der Kinder und lassen sie gegen mögliche Angriffe innerhalb und außerhalb der Familie robuster werden. Mit Therapie- und Freizeitangeboten – auch in der Natur außerhalb der Stadt – werden Defizite aufgefangen und langfristig neue Perspektiven mit den Kindern entwickelt.

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