frauen ausdauersport

Frauen im Ausdauersport haben es immer noch schwer: Gut trainierte, kräftige Frauen passen nicht ins gesellschaftliche Bild – genauso wenig wie Frauen, die Zeit in Sport statt in Kind und Familie investieren. Mit dem WMN Virtual Run wollen wir gemeinsam als Crowd diese und weitere stereotype Frauenbilder ein Stück weit überwinden. Ein Teil unserer Kampagne ist dieser Artikel. Hier lassen wir Ausdauersportlerinnen erzählen, wie sie Hindernisse überwinden und warum sie trotz diverser Widrigkeiten weiter ihren Sport ausüben.

“Wir hatten das Glück, dass uns schon ganz früh viel zugetraut wurde und es keinen Unterschied gemacht hat, ob wir Mädchen oder Jungen sind”, erzählt Anna Hahner.

Sie und ihre Zwillingsschwester Lisa wuchsen auf einem Bauernhof auf, beide sind Marathonläuferinnen und waren 2016 bei den Olympischen Sommerspielen in Rio mit dabei.

Und sie wissen ganz genau, was neben ihrem Training und der nötigen Disziplin für ihre sportliche Karriere auch förderlich war:

“Ein Umfeld, das an die eigene Stärke glaubt und gleichzeitig bereit ist, einen aufzufangen, wenn es mal nicht klappt, ist wichtig.” (Anna Hahner)

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Anna Hahner, im Hintergrund ihre Zwillingsschwester Lisa. Bild: philphamphoto

Sehr häufig ist das aber eben nicht der Fall: Mädchen üben im Schulsport eher Gymnastik und Volleyball als Langstreckenlauf. Sie werden von Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen ganz anders angespornt als ihre männlichen Altersgenossen.

Anstatt “Versuch es nochmal, das geht besser”, hören Mädchen eher: “Schön, dass du es überhaupt probiert hast. Das macht nichts, wenn es nicht so gut klappt.”

Bin ich gut genug für diesen Sport?

Mädchen sollen zwar schlank, aber nicht zu trainiert sein. Dieses Körperbild kann in der Pubertät den Grundstein für eine lebenslange Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper legen und einen unbeschwerten Zugang zum Sport versperren.

“Viele Frauen haben Angst, nicht gut genug zu sein und trauen sich oft viel zu wenig zu”, findet auch die Profi-Triathletin Daniela Bleymehl.

Sie ist nicht nur mehrfache Siegerin auf der Lang-, Mittel- und Olympischen Distanz im Triathlon, sondern auch Mutter und Familienmensch. Daniela weiß, dass es nicht immer einfach ist, Familie und Profi-Sport unter einen Hut zu kriegen. Das sollte Frauen aber nicht davon abhalten, den Sport, den sie lieben, auch auszuüben, findet sie:

“Häufig wird zu wenig Zeit als Ausrede vorgeschoben, was ich sehr schade finde, denn die meisten wissen gar nicht, was ihnen hier entgeht. Grundsätzlich kann ich nur jede Frau ermutigen, Ausdauersport zu treiben und bin überzeugt, dass jede(r) dadurch an positiver Energie, Kraft und Selbstbewusstsein gewinnt.” (Daniela Bleymehl)

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Profi-Triathletin Daniela Bleymehl. Bild: Daniela Bleymehl privat

Gleichberechtigungen im Sport geht nur, wenn Vorurteile überwunden werden

Nicht auffallen, niemandem einen Grund zum Reden geben – viele Frauen hält genau das erstmal davon ab, sich eine passende Sportart zu suchen.

“Als ich 2015 mit dem Laufen anfing, habe ich 18 kg mehr gewogen als jetzt. Es haben mich Selbstzweifel geplagt und ich habe mich in meinem Körper überhaupt nicht wohl gefühlt“, erzählt Verena Deichmann aus dem Brooks Run Happy Team.

Für ihre ersten Laufversuche ist sie damals extra raus aufs Land gefahren, weil sie Angst hatte, dass sie jemand sieht und sich lustig über sie macht. Mittlerweile ist Verena schon zwei Marathons gelaufen und auf den dritten trainiert sie gerade hin.

“Ich habe damals von einigen zu hören bekommen, dass ich das ja eh nicht durchziehen und schaffen würde, ich mir die Enttäuschung lieber direkt sparen solle. Das hat natürlich am Anfang Selbstzweifel ausgelöst, mir aber dann irgendwann den Ansporn gegeben ‘Jetzt erst Recht!'” (Verena Deichmann)

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Verena Deichmann hat sich von niemandem ausbremsen lassen. Bild: Verena Deichmann privat

Auch Jana Bauer hat die Erfahrung gemacht, dass erstmal kaum jemand an ihre sportlichen Ambitionen glaubte.

Das spürte sie vor allem dann, als sie erzählte, dass sie ihren ersten Halbmarathon laufen wolle: “Das Unverständnis war groß, übrigens nicht nur von den Männern, sondern tatsächlich überwiegend von anderen Frauen.”

Jana ist Mutter und die erste Reaktion aus ihrem Umfeld war, dass sie “als Mama schließlich andere Aufgaben habe, als dauernd sinnlos durch den Wald zu rennen.”

Mittlerweile ist die Unterstützung in ihrem Familien- und Freundeskreis groß. Aber es kommt trotzdem immer wieder vor, dass sie von anderen Ablehnung erfährt: “Das geht von blöden Kommentaren wie ‘jetzt überholt uns sogar eine Frau’ bis hin zu Belehrungen, was genau meine Aufgaben als Ehefrau und Mutter zu sein haben.”

Solche Vorurteile und stereotypen Geschlechterrollen frustrieren Jana und machen sie manchmal auch wütend:

“Wieso darf ein Mann, der auch Vater und Ehemann ist, sich seine Freizeit nehmen und eine Frau kann das nicht? Wieso kann eine Frau nicht genauso schnell laufen wie ein Mann? Und was ist schlimm daran, wenn sie sogar schneller ist?” (Jana Bauer)

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Jana Bauer musste mit Vorurteilen kämpfen. Bild: Jana Bauer privat

Ultratrails sind Männersache. Ach ja?!

“Das ist nichts für Mädchen. Das ist zu gefährlich. Das ist zu heftig für deinen zierlichen Frauenkörper”, musste sich Juliane Ilgert von Freunden und Familie anhören, als sie mit Anfang 20 beschloss, an einem 100 Kilometer-Lauf in den Bergen teilzunehmen.

Noch mehr habe man ihr um die Ohren geworfen, das “wäre unattraktiv, wenn Frauen so einen Sport betrieben, einmal, weil zu viele Muskeln männlich aussähen und zum anderen, weil der Sport als solcher, in Konkurrenz zu anderen zu treten, sich durch die ‘Wildnis’ zu kämpfen etc., sehr männlich sei – solche Sprüche kamen da.“

Auch sie ließ sich nicht beirren, trennte sich sogar von ihrem festen Freund, der sie blockierte – und lief weiter. Heute ist sie eine erfahrene Ultratrail-Läuferin und Teil des ASICS Frontrunner Teams.

“Seitdem bin ich über 150 Wettkämpfe gelaufen, mein Leben hat sich durch den Sport sehr zum Fantastischen verändert, selbst meine Karriere in der Kanzlei hier in München hat der Extremsport positiv befeuert – Ich bereue nichts!” (Juliane Ilgert)

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Ultraläuferin Juliane Ilgert ließ sich ihre Freude am Laufen nicht nehmen. Bild: Andy Astfalck

Auch Susi Lehmann ist schon mehrere Marathons und Ultratrails gelaufen. Aber auch ihr war es früher erstmal unangenehm, in Gegenwart von anderen zu laufen: “Ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass mich jemand sieht, den ich kenne.”

Ihr Wille und ihre Bereitschaft, einfach ihr “eigenes Ding durchzuziehen”, kamen erst mit der Zeit. Auch sie musste diese mentale Hürde überwinden und weitermachen, um ihr Selbstvertrauen zu finden.

Gegen Vorurteile kämpfen und niemals aufgeben, das lohnt sich nicht nur für die Sportlerin selbst, meint Susi heute:

“Ich denke, dass Sport im Allgemeinen den Menschen viel mehr Selbstvertrauen gibt. Man setzt sich Ziele, erreicht diese und bekommt dadurch einen richtigen ‘Boost’ im Leben. Als Frau im Ausdauersport kann man auf jeden Fall ein Vorbild für alle sein, die eventuell noch unter Selbstzweifeln leiden und sie dazu ermutigen, ebenfalls ihr Ding durchzuziehen.” (Susi Lehmann)

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Susi Lehmann findet, Ausdauersportlerinnen haben Vorbildfunktion. Bild: Susi Lehmann privat

Pionierinnen im Rad- und Laufsport

Isabell Groß fühlte sich als Frau nie benachteiligt. “Ich möchte aber dazu beitragen, dass es anderen Frauen und auch diversen Menschen genauso gut geht wie mir”, sagt sie und beschäftigt sich auch damit, “welche Rechte Frauen anderswo immer noch nicht haben” – und wie privilegiert man sich als Frau heute fühlen kann, wenn man in die Vergangenheit schaut.

Der Blick zurück zeigt tatsächlich Abstruses: Ende des 19. Jahrhunderts schrieb ein britischer Arzt, dass weibliche Fortpflanzungsorgane funktionsunfähig werden könnten, wenn frau zu viel rennt, klettert oder hüpft, so der Deutschlandfunk.

Eine amerikanische Medizinerin meinte demnach noch 1889, dass Frauen durch die Hausarbeit schon genug Bewegung bekämen. Und auch die Geschichte des Profisports der Frauen ist eine Geschichte von Pionierinnen: 1924 fuhr Alfonsina Strada, italienische Radsportlerin, getarnt als Mann den Giro d’Italia der Männer mit – im Ziel wurde die Sensation bejubelt. Und 1967 nahm Kathrine Switzer aus den USA unerkannt als Frau am Boston Marathon teil.

Unterschiedliche Profigehälter, schlechtere Sponsorenverträge: Der Gender-Pay-Gap ist in den meisten Sportarten noch immer besonders ausgeprägt. Bei Prämien kann er im Fußball sogar auf bis zu 87 Prozent steigen, wie auch der Deutschlandfunk recherchiert hat.

Körperliche Unterschiede zwischen Mann und Frau im Sport? Ja, die gibt es!

Wenn über Gleichberechtigung und Anerkennung im Sport geredet wird, heißt das für Ausdauersportlerinnen auf keinen Fall, sich mit Männern gleich zu machen.

Denn einige körperliche Unterschiede gibt es durchaus, zum Beispiel hormoneller Art, wie die Ärztin und ASICS Frontrunnerin Alexandra Stumpenhagen weiß.

Insbesondere bei der Trainingsgestaltung sieht Alexandra hier einiges an Nachholbedarf: “Man sollte in Trainingsplänen etwas mehr Fokus darauf legen, dass Frauen nicht jeden Tag gleich funktionieren, da sie deutlich höheren hormonellen Schwankungen ausgesetzt sind als Männer.”

Das würde nicht nur zu positiveren Trainingseffekten führen, sondern hätte auch auf mentaler Ebene positive Auswirkungen:

“Dann würde man Frauen automatisch mehr dabei unterstützen, den Sport und das Training entsprechend der Bedürfnisse des Körpers anzupassen und damit mehr Selbstvertrauen zu schaffen.” (Alexandra Stumpenhagen)

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Alexandra Stumpenhagen wünscht sich optimierte Trainingspläne für Frauen. Bild: Andy Astfalk

Aber es gibt auch noch ganz andere Situationen, in denen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern beim Sport ans Licht kommen. Eine davon musste Isabell Groß erleben. Sie beschreibt die Situation so:

“2015 stand ich im Startblock des Berlin Marathons, musste dringend pinkeln und mich erstmal aus der Masse kämpfen, ewig am Dixi anstehen und mich zurück wühlen. Als es endlich los ging, standen nach einem Kilometer schon reihenweise Männer am Rand und haben in die Gegend gepisst. DAS kotzt mich so richtig an. Zum einen, weil’s eklig ist, aber auch, weil ICH das nicht einfach so machen kann.” (Isabell Groß)

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Für Isabell Groß werden Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch auf Lauf-Events sehr deutlich. Bild: Isabell Groß privat

Am wichtigsten ist: anfangen und durchhalten

Ganz abgesehen davon ist für alle Sportlerinnen klar: Durch regelmäßigen Sport steigt das Selbstvertrauen und das Gespür für den eigenen Körper verändert sich.

“Das Laufen und der Sport hat unsere Selbstwahrnehmung enorm verbessert”, sagt Anna Hahner. “Wir spüren sofort, wenn in unserem Körper etwas nicht funktioniert und können dadurch reagieren. Das hat unser Vertrauen in uns und unseren Körper gestärkt, wir wissen was wir können, wir wissen, wie stark wir sind und können das auch nach außen ausstrahlen.”

Schiefe Blicke waren auch Susi Lehmann bald egal: “Mit jedem Kilometer, den ich mehr laufen konnte, wurde mein Selbstvertrauen größer und irgendwann war es mir dann Wurscht und ich bin gelaufen, wann und wo ich wollte.”

Sich zu überwinden und einfach anzufangen – das ist extrem wichtig, findet Nora Biever. Auch wenn es manchmal schwer fällt – aber es kann sich sehr lohnen:

“Der Anfang war für mich der Grundstein einer Leidenschaft, einer Befreiung und eines gesünderen Lebens in allen Bereichen. Ich würde lügen wenn ich behaupten würde, dass ich nicht auch heute noch an Unsicherheiten leiden würde. Nichtsdestotrotz: Dieser Moment, wenn man für ein Ziel gekämpft hat und es dann erreicht, ist unbezahlbar.” (Nora Biever)

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Für Nora Biever wurde der Sport zu einer Befreiung. Bild: Nora Biever privat

Auch, wenn jede Sportlerin ab und an noch an eigene Grenzen stößt, aufhören würde keine von ihnen mehr. Vorteile wie Spaß und Selbsterfahrung überwiegen eindeutig.

“Grundsätzlich muss man im Sport natürlich lernen, auch mit Rückschlägen, wie Verletzungen, Niederlagen oder sonstigen Enttäuschungen umzugehen”, weiß Profi-Triathletin Daniela Bleymehl. “Aber aus solchen Situationen bin ich bisher immer stärker herausgekommen und denke, der Sport ist hier der beste Weg, für’s Leben zu lernen”.

Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Unser WMN Virtual Run soll für alle Frauen, aber auch für Männer und Diverse, die sich engagieren möchten, eine Plattform sein. Lasst uns gemeinsam Sport machen und ein Zeichen setzen für mehr geschlechtliche Gleichstellung in unserer Gesellschaft!

Gleichzeitig sammeln wir Erfahrungen und Erlebnisse hier in diesem Artikel. Bist auch du Ausdauersportlerin? Was hast du auf deinem Weg von den ersten sportlichen Anfängen bis heute alles erlebt?

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